Das Sanieren alter Gebäude birgt häufig unterschätzte Schwierigkeiten: Baumängel, die sich erst während der Arbeiten offenbaren, fehlendes Knowhow im Umgang mit alten Materialien und nicht zuletzt der Umgang mit dem Denkmalschutz haben Potenzial zum Scheitern. Damit Interessenten oder auch Inhaber denkmalgeschützter Immobilien nicht Schiffbruch erleiden, bietet der Architekt Kai Nilson in Nesse bei Dornum Beratung und Unterstützung an. Nilson, der gemeinsam mit seinem Mann Franz Scheid in dem kleinen Ort an der Nordsee fünf eigene Häuser restauriert hat, räumt darin mit dem Vorurteil auf, dass Sanieren teurer sei als ein Neubau. „Das stimmt nie!“

Kai Nilson


Das Interview führte Klaus Schmidt

Klaus Schmidt: Herr Nilson, wer den konzeptionellen Spagat zwischen einer Häuptlingsburg aus dem Mittelalter und einem alten Bauernhaus wie dem Paradies schafft, um nur zwei der fünf von Ihnen im ostfriesischen Nesse geretteten Bauten anzusprechen, der muss einen guten Draht nach oben haben oder besondere Beziehungen zum Denkmalschutz. Was machen Sie richtig und andere falsch?

Kai Nilson: Als Architekt und Baudenkmalpfleger mit 20jähriger Berufserfahrung weiß ich natürlich, wie man so ein Projekt angeht. Ich habe eine Vorstellung davon, was man aus einem denkmalgeschützten Haus machen kann. Man fängt jetzt nicht an, wenn man eine knapp 500 Jahre alte ostfriesische Häuptlingsburg kauft, Luftschlösser zu bauen. Man hat im Kopf, was denkmalpflegerisch abstimmungsfähig und genehmigungsfähig ist und in welche Richtung es gehen kann. Jeder, der sich mit dem Gedanken trägt, ein denkmalgeschütztes Haus zu kaufen, muss sich darüber klar sein, dass es Behörden und Institutionen gibt, die bei der Sanierung mitreden. Um es deutlich zu sagen: Man kann aus einem denkmalgeschützten Gebäude nicht sein individuelles Traumhaus bauen. Aber es kann durchaus ein Traumhaus werden, wenn das ins Auge gefasste Objekt schon relativ viel von dem mitbringt, was man gern haben möchte. Dann kann man es kaufen. Wenn aber alles umgeformt werden muss für die persönlichen Vorstellungen, dann ist es einfach das falsche Objekt. Es geht nicht darum, ein Denkmal zu schützen, indem man es irgendwie nutzt. Die Nutzung muss zum Objekt passen, damit das Denkmal am Ende auch noch ein Denkmal ist und es nicht völlig entfremdet wird. Für uns hat mit der Häuptlingsburg hier alles gepasst. Wir sind zwei Personen, das Haus hat 120 Quadratmeter Wohnfläche und die Raumaufteilung ist perfekt für uns.

Der Denkmalschutz muss also nicht per se eine Hypothek sein, sondern kann mit dem richtigen Konzept auch eine Hilfe bei der Umsetzung des Projekts sein? 

Also Denkmalschutz ist definitiv keine negative Hypothek. Man muss es nur richtig angehen und Unterstützung schon im Vorfeld suchen. Sonst verbrennt man Geld. Es ist so, dass Denkmalschutzbehörden gerne mitberaten. Das sollte man nutzen. Es gibt weitere Institutionen, wie zum Beispiel den Monumentendienst, die Gebäudeinspektionen und Beratungen anbieten. Bei der Ostfriesischen Landschaft richten wir gerade einen Arbeitskreis „Baukultur – Kulturlandschaften“ ein. Der soll Leute, die ein altes Haus bewahren wollen, egal ob es um Denkmalschutz geht oder um andere erhaltenswerte Bausubstanz, einfach ein bisschen mitnehmen, ihnen Wege aufzeigen, wie man ein solches Projekt angeht. So macht es Sinn, mit der Denkmalbehörde einen Termin zu machen, bevor man ein Projekt kauft und sich möglicherweise verrennt. Und dass man Sanierungskonzepte abstimmt, bevor teure Anträge eingereicht werden.

Finanziell bietet der Denkmalschutz viele Anreize. Aber um sie auszuschöpfen, muß man Anträge zum richtige Zeitpunkt stellen. So gibt es eine hohe Steuerabschreibung für alle Investitionen. Es sind in der Regel 80 Prozent der gesamten Bausumme, die man über mehrere Jahre steuerlich geltend machen kann. Aber das funktioniert nur, wenn man die geplanten Maßnahmen vor der Realisierung mit der Denkmalbehörde abstimmt und ihr die Angebote vorgelegt hat. In vielen Fällen kann man auch direkte Zuschüsse generieren. Unbezahlbar ist die Freude, dass man am Ende des Weges immer ein ganz besonderes Haus hat, ein absolutes Unikat. Ein liebens- und lebenswertes Gebäude, in dem man ganz modern, auch nach heutigen Vorstellungen, wohnen kann. 

Viele Architekten legen ihr Augenmerk auf Bauen und seltener auf Bewahren. Worauf sollte ich als Laie bei der Auswahl eines Fachmanns achten, damit nicht ein komplett neues Dach die Kosten hochtreibt, obwohl die Balken noch mehrere Generationen gehalten und die optisch angegriffenen Tonziegel die nächsten 30 Jahre problemlos überstanden hätten? 

Wer ein erhaltenswertes Haus sanieren oder restaurieren will, sollte sich jemanden suchen, der den gleichen Ansatz hat. Ich sehe meine Aufgabe als Architekt generell so, dass im ersten Schritt ein Haus erst mal gründlich geprüft wird, vor allem auch auf seine Bausubstanz. Nicht alles was alt ist, muss immer gleich weg. Das gilt auch für einen Dachstuhl. Man kann notfalls auch einzelne Balken austauschen oder, wenn die Balken für eine Dämmung zu dünn sind, die Sparren aufdoppeln oder Laschen daneben setzen, um nur einige Möglichkeiten aufzuzeigen. Die Dachstühle kann man fast immer halten und dadurch viel Geld sparen. Wir beispielsweise haben bei allen fünf Objekten hier in Nesse nicht einen einzigen Dachstuhl ersetzen müssen, sondern konnten alle mit finanziell erheblich geringerem Aufwand sanieren. 

Die Behauptung, dass Sanieren immer teurer sein soll, als ein Neubau,  ist ein Gerücht. Das stimmt nie! Wenn man ein kleines Einfamilienhaus baut nach allen heutigen Vorschriften, dann wird es immer teurer, als wenn ein altes Haus mit Augenmaß saniert wird.

Die Rettung kulturhistorisch wertvoller Gebäude ist ja nicht nur ein Gewinn für das Orts- und Landschaftsbild sowie für die Identifizierung mit der Region, es ist ja auch aus ökologischer Sicht ein richtiger Schritt, weil weniger Ressourcen verbraucht werden. 

Jede Sanierung hilft, Ressourcen zu sparen. Es fängt beim Grundstück an: Da muss keine neue freie Fläche verplant werden. In vielen Ortskernen stehen alte Häuser leer an Standorten, die interessanter sein können als ein Neubaugebiet. Diese Häuser sind häufig schon erweitert worden mit einer Nutzfläche, die heute gar nicht mehr genehmigungsfähig wäre. So kann man bei einer Sanierung oder Restaurierung eines alten Hauses im Ortskern auf der gleichen Grundstücksfläche mehr Wohnraum generieren, als in einem Neubaugebiet.

Der nächste wichtige Aspekt für eine Sanierung ist natürlich die Weiternutzung schon verwendeter Baustoffe. Da spricht man von grauer Energie. Wenn man ein altes Haus durch ein neues ersetzt, wird die gesamte Energiebilanz immer negativ, egal wie gut gedämmt das neue Haus ist. Für den Abriss, die Entsorgung, den Transport und die Herstellung neuer Materialien wird soviel Energie verbraucht, dass die Energiebilanz erst nach 40 Jahren ausgeglichen wäre. Das ist aber Theorie, denn in der Praxis wird das neue Haus schon vorher wieder sanierungsreif sein: Die Baumaterialien, die zur Dämmung eingesetzt werden, enthalten Kunststoffe und Kleber mit Weichmachern. Das dauert keine 20 Jahre, bis die ersetzt werden müssen.

Alte Häuser sind beliebt, weil sie eine besondere Atmosphäre bieten. Andererseits lässt sich vieles nicht verwirklichen, was heute als State-of-the Art bei Neubauten möglich ist. Zu welchen Kompromissen muss ich bereit sein, wenn ich mit einem denkmalgeschützten Haus glücklich werden möchte?

Es stimmt. Alte Häuser sind beliebt, weil sie immer eine ganz besondere Atmosphäre haben. Was den Wohnkomfort angeht, muss man im Grunde keine großen Kompromisse eingehen. Wenn man ein denkmalgeschütztes Haus kauft, wird man mit den ursprünglichen Fensteröffnungen leben müssen. Niedrige Decken sind kein Problem. Häufig ist es möglich, Zwischendecken rauszunehmen und nur die tragenden Balken stehen zu lassen. Wir haben in allen unseren Häusern die Wohnräume bis zum First offen gelassen und dadurch sehr spannende Wohnerlebnisse geschaffen.

Weil jedes Haus nur erhalten werden kann, wenn es genutzt wird, sind die Denkmalschutzbehörden bei einer denkmalgerechten Nutzung auch zu Kompromissen bereit. Für ein Wohnhaus ist natürlich immer die Wohnnutzung am besten, weil sie mit weniger Veränderung einhergeht. Kein Mensch verlangt, dass man in einem denkmalgeschützten Haus auf Wärmedämmung verzichtet, dass man ohne Heizung leben muss oder ohne Bad. Das sind Gerüchte, die erstaunlich häufig kursieren. Deshalb zur Klarstellung: Man kann absolut modern und mit allem Komfort in einem alten Haus leben. Unsere denkmalgeschützte Häuptlingsburg ist ein gutes Beispiel: Wir wohnen hier sehr komfortabel und nicht wie im Mittelalter. Es ist weder dunkel, noch niedrig und auch nicht kalt. Einen Neubau in der dieser Größenordnung, mit dieser Atmosphäre, diesem Luxus und an einem solch exponierten Standort hätten wir uns wohl finanziell nicht leisten wollen.